REISEfieber Herbst I Winter 2424

- 94 - REISEfieber stock des Wilden Kaisers wie ein Monolith in die Höhe ragt. Mitten im Bild dominiert ein riesiger, bald 20 Meter hoher Ho- lunderbaum die Szenerie. Wir Städter kennen den Holunder nur als Strauch. „Der Holunder lieferte zu Kriegszeiten oft die einzigen Vitamine“, berichtet Sylvia aus den Erzählungen ihrer Mutter. „Als Sirup dient er heute ja auch in Lifestylelimonaden und schmeckt im ‚Hugo‘ vorzüglich. Und Hollerkücherl, also Blüten im Teig herausgebacken, sind als Nachspeise delikat.“ Bewegte Geschichte einer alten Linde Wir verlassen den Hausberg und passieren auf demWeg zum Amthorsteig eine prächtig gewachsene Linde. Tina räumt erstmal mit einem Ammenmärchen auf: „Solchen Exemplaren wird oft ein märchenhaftes Alter von bis zu 800 Jahren angedichtet, aber sie sind inWahrheit maximal 250 bis 300 Jahre alt. Die Linde gilt als herrliches Bienennährgehölz, was ihr an dem eifrigenGe- brumme und Gesumme ja schon von Weitem hören könnt.“ Sylvia entführt uns abermals zu den Germanen ins Mittelalter: „Linden wurden meist der Göttin Freya geweiht, sie standen oft an ortsbildprägenden Stellen. Hier wurde häufig Recht ge- sprochen. In der Psychotherapie sagt man, dass Linden für Licht und Kraft stehen und für eine positive Ausstrahlung sorgen.“ Unterwegs in den Chiemgauer Alpen Wir wandern eine Weile auf dem Kapellensteig und schwen- ken dann auf den Hausbachfallsteig ein. Den Klettersteig, der oberhalb des malerischenWasserfalls sportlich Ambitioniertere durch die Schlucht leitet, lassen wir rechter Hand liegen.Wir hal- ten uns links davon auf ein paar steilen Serpentinen auf einem geschotterten und mit Knüppelhölzern befestigtenWeg. Sylvia entdeckt einweiß-blühendesMädesüß. Der Name verspricht nicht zu viel. Es duftet nachMandeln undMarzipan. „Bei denGerma- nen sorgte dasMädesüß für den eigentümlichenGeschmack des Mets, aber auch bei späteren Honigweinen und zumBierbrauen fand es Verwendung. Als Vanille noch exotisch und unerschwing- lich teuer war, verfeinerte es in vielen Backstuben die Kuchen. Dank seines Gehalts an Salicylsäure hilft es als natürliches Aspi- rin, Schmerzen zu lindern und Fieber zu senken. Auch als Erkäl- tungstee ist es enorm wirksam. Das Mädesüß ist also auch eine prima Arznei.“ Direkt amWegesrand unweit einer Rastbank er- späht Tina eine seltsame Pflanze mit einem eher harmlos klingen- den Namen. „Das gewöhnliche Fettkraut ‚Pinguicula vulgaris‘ bedient sich einer Eigenschaft, die hierzulande selten ist. Das blau- violette Wasserschlauchgewächs zählt zu den fleischfressen- den Pflanzen“, klärt sie uns auf. Es erfordert ein scharfes Auge, um den perlenförmigen Klebstoff an der Innenseite der fleischig- flauschigen Blätter zu erkennen. Kurz vor der Glapfalm führt uns derWandersteig noch mitten durch eine blühende Almwiese. Die Damen werden gar nicht mehr fertigmit demAufzählen und Bestimmen der vielen verschiedenen Arten: „Distel, Scharfer Hahnenfuß, Günsel, Ehrenpreis, Kerbel, Glockenblumen, Mar- geriten, Lichtnelken, Sauerampfer, Günsel, Pippau, der Zottige Klappertopf…“ Auch das Wiesenlabkraut entdecken wir in die- ser kunterbunten, botanischen Festwiese. „Das Labkraut wurde seit jeher für die Gerinnung der Milch eingesetzt. Heute wird es nur noch von wenigen Käsereien im schweizerischen Emmental verwendet, weil sich das synthetische Lab doch wesentlich leich- ter für die industrielle Produktion verarbeiten lässt“, plaudert Syl- via aus dem Nähkästchen. 1: Sylvia Schmuck und Tina Robok zeigen den begeister- ten Gästen ihre „Bavarian Flower-Power-Trails“. 2: Dabei werden die Sinne für die Blütenpracht und dieWirkung der Nutzpflanzen amWegesrand geschärft. 3: Achtung: „Pin- guicula vulgaris“, das gewöhnliche Fettkraut, ist tatsächlich eine fleischfressende Pflanze. 4: Das „Mädesüß“ duftet nach Mandeln undMarzipan und wurde früher für Met, Honig- wein und zum Bierbrauen verwendet. 2 1 4 3

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